Als Berlin noch Zuhause war

“Hier hab ich mal gewohnt!“ rufe ich verzückt und mit verliebtem Blick, als die Hochbahn an der Ecke Eberswalder Straße/Schönhauser Allee in Sicht kommt. Schon komisch, wie sich unsere Sicht auf einen Ort im Lauf der Zeit verändert. Auf einmal ist Berlin nicht mehr mein Zuhause. Wenn ich jetzt hier bin, dann nur zu Besuch. In den letzten zwei Jahren habe ich den Mauerpark gegen das Brandenburger Havelufer und die Danziger Straße gegen die Sankt-Annen-Promenade getauscht. Und so wird vieles, was früher alltäglich war, auf einmal zu etwas Besonderem.

“Ob Lars immer noch hier wohnt?“ In der gemütlichen kleinen Bude im Hinterhaus, im 5. Stock? Natürlich ohne Aufzug, dafür mit 20 Jahre altem Mietvertrag und somit sagenhaft günstig. An der nächsten Ecke haben wir vor zwei Jahren unsere ersten Runden zu dritt gedreht, als junge Hundeeltern, und da drüben haben wir Haley zum ersten Mal mit ins Café genommen. Viele erste Male gab es hier: die erste WG mit Freunden; die erste eigene Wohnung; das erste (und bisher einzige) Mal Berghain; das erste Praktikum; den ersten Flug vom forever besten Hauptstadtflughafen, den es leider nicht mehr gibt; die erste Filmpremiere; das erste (und letzte) Blind Date; die ersten Schritte ins Arbeitsleben.

All die Geschichten sind immer noch da, sie hängen wie ein unsichtbarer Nebel in den Straßen und sitzen in Bars und Restaurants, die ich auf immer mit besonderen Menschen verbinden werde. Der letzte Tag auf der Arbeit und der Fahrstuhl am Eingang, vor dem ich mich dann doch verabschieden musste, zu lange hatten wir es schon hinausgezögert. Jedes Mal hüpft jetzt mein Herz, wenn ich wieder durch diese Straße laufe. Oder die Tram-Haltestelle, an der er und ich an diesem einen Abend ewig redeten und unzählige Trams an uns vorberfuhren. Bin ich eigentlich irgendwann eingestiegen? Am Ende ist es auch egal, was bleibt sind diese kleinen Glücksmomente, die wir in jeder Stadt sammeln, die wir einmal unser Zuhause nennen durften.

Natürlich hat Berlin auch Schattenseiten. Hier ist es mitunter unfassbar dreckig, laut, Uringestank ist normal, die S-Bahnen sind voll, du wirst angemeckert und meckerst zurück. Aber genauso romantisiere ich die Stadt, jetzt, wo sie nicht mehr meine ist – undzwar zu Recht! Und immer wenn ich da bin merke ich, ich brauche sie doch. Auch. Den Trubel und diese vielen Eindrücke.

An diesem Oktobernachmittag schlendern wir weiter durch den Kiez, das bunte Laub und das goldene Licht der Herbstsonne, von dem ich wohl nie genug bekommen werde, durchziehen die Straßen. Auch in Berlin die schönste Zeit des Jahres. Am Kollwitzplatz denke ich wie immer “Ach wie schön, hier hätte ich gerne mal gewohnt.“ Im hübschen Gründerzeithaus mit Stuckfassade, versteht sich. Wir stöbern in Antiquariaten und Buchhandlungen, finden ein Buch, das wir beide wollen und kaufen es uns schließlich zusammen. Wenn sich andere Mädels Handtaschen teilen, machen wir das eben mit Büchern. Vielleicht der Beginn einer neuen Tradition …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s